Stilrichtungen

Emil Hünten

Adolph Menzel

Historienmalerei

Bis ins 19.Jahrhundert reichend zählt die Historienmalerei zu einer der höchsten Gattungen der Malerei. Mythologische und religionsgeschichtliche Aspekte werden genauso wiedergegeben wie außergewöhnliche, nicht alltägliche historische Geschehnisse und bedeutende Persönlichkeiten. Nationales Geschichtsbewusstsein gepaart mit der romantischen Bewegung dieser Zeit gipfelt in einer „patriotischen“ Monumentalkunst, die geprägt wird durch die Malerei des Peter von Cornelius (1783-1867), des Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872) und Alfred Rethel (1816-1859), dessen Zyklus über Karl den Großen beispielhaft für das Auseinandersetzen der Künstler mit der landeseigenen Geschichte ist. Aber auch Maler der nächsten Generation widmen sich geschichtlichen Themen, die sie unter dem Aspekt politischer Zeitbezogenheit im Sinne bürgerlich-liberaler Ideen umsetzen. Ein gutes Beispiel ist Carl Friedrich Lessings (1808-1880) Gemälde “Hussitenpredigt”, in dem er die Gestalt des Protestanten Jan Hus als aktuelles Symbol des eigenen Kampfes um bürgerliche Freiheit nimmt. Es geht allerdings nicht nur um eine Umsetzung des Dargestellten mit politischem Aspekt, sondern auch um eine detailgetreue Wiedergabe historischer Gegebenheiten. Carl Theodor von Piloty (1826-1886), einer der Hauptfiguren der deutschen Geschichtsmalerei der Gründerzeit, ist genauso auf historische Treue bedacht, wie Adolph Menzel (1815-1905), der in seinem Gemälde “Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci” von 1852 die Räumlichkeiten und historischen Begebenheiten zur Zeit des Preußenkönigs Mitte des 18. Jahrhunderts detailgetreu wiedergibt. Genauso werden auch rein christliche Darstellungen zu den Historienbildern gezählt, wie die Gemälde von Eduard von Gebhardt (1838-1925). Im Laufe der Zeit gewinnt die Historienmalerei immer mehr an Beliebtheit und entwickelt sich weiter vom reinen Historienbild mehr und mehr zu einem historischen Schaustück. Hans Makart (1840-1884), Schüler von Carl Friedrich von Piloty, lässt sich hier als einer der Künstler nennen, die bei dieser Wandlung der Gattung Vorreiter waren. Auch in der Monumentalkunst lässt sich diese Malerei vermehrt finden, was ihr weitere Beliebtheit einräumt.

Andreas Achenbach

Albert Bierstadt

Albert Flamm

Landschaftsmalerei

Die Landschaftsmalerei befasst sich mit idealisierten und realistischen Darstellungen von Natur und Kulturlandschaften. Ursprünglich mehr als Hintergrund dienend, gewinnt die Landschaft als Motiv selbst ab dem 17. Jahrhundert mehr und mehr an Bedeutung. Anfangs als reine Studie gehalten, kommt zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Wendung in der Einstellung zu einem subjektiven Erleben der Welt als auch eine Wandlung in der Wahrnehmungen von Erscheinungen auf. Die Künstler der Romantik sahen in der Natur die Quelle von leidenschaftlichen Gefühlen. Maler, wie Caspar David Friedrich (1774-1840) suchten in der Natur einen transzendentalen Bezug. Die Kunst sollte Utopien sichtbar machen und ein neues Ideal- und Leitbild herstellen. Die Romantik der europäischen und deutschen Landschaftsmalerei beeinflusste auch Künstler Kontinent übergreifend. Die Maler der Hudson River School, wie Albert Bierstadt (1830-1902), schufen im Austausch mit deutschen Malern der Romantik, vor allem Mitgliedern des Künstlervereins Malkasten in Düsseldorf, ihre Landschaftsdarstellungen. Andreas Achenbach (1815-1910) mit seinen Seestücken oder Wilhelm Schirmer (1802-1866) sind hier als Vorbilder zu nennen. Genauso setzten sich die Maler William Blake (1757-1827) und William Turner (1775-1851) mit der Wirkung von Raum und Licht auseinander ganz nach dem Vorbild Caspar David Friedrichs. Aber auch Maler des Klassizismus schufen zur gleichen Zeit ganz gegensätzliche Darstellungen von Landschaften. Joseph Anton Koch (1768-1839), Johann Christian Reinhart (1761-1847), Philipp Hackert (1737-1807) und Caspar Goar Wolf (1735-1783) orientierten sich weiterhin an alten Vorbildern und wollten im Gegensatz zu den Romantikern den idealen Weltentwurf sichtbar machen. In den 1930er Jahren nahm der Wunsch nach realistischen Landschaftsdarstellungen zu. Maler, wie Adolph Menzel (1815-1905), der als einer der ersten Industriemaler galt, Karl Blechen (1798-1840) und J. Metzler, der hauptsächlich Landschaften des Niederrheins malte, wandten sich von der romantischen gefühlsbasierenden Malerei ab und konzentrierten sich auf eine realistische Wiedergabe der Licht- und Farbeffekte der Natur. Auch ein französisch, impressionistischer Einfluss wird deutlich. Carl Spitzweg (1808-1885), Hans Thoma (1839-1924), Wilhelm Leibl (1844-1900) und Fritz von Uhde (1848-1911) schufen ihre Werke ganz im Sinne der französischen Freilichtmalerei (plein air). Im 20. Jahrhundert wandelt sich der Wunsch nach realistischen Darstellungen hin zu einer Auseinandersetzung mit äußeren Erscheinungen und innerer Wirkkraft, die eine Entfremdung von Mensch und Natur zeigt. Von Künstlern, wie Max Liebermann (1847-1935), Max Slevogt (1868-1932), die sich noch an einer impressionistischen Darstellung orientieren. Über Künstler, wie Max Pechstein (1881-1955), Emil Nolde (1867-1956) und Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), die sich hauptsächlich mit der Wiedergabe der unberührten Natur exotischer Länder beschäftigten. Den melancholischen Landschaften eines Fritz Lattke (1895-1980). Zu fotorealistischen Landschaften eines Gerhard Richter (1932) und Helmut Ditsch (1962), sowie den abstrakten Darstellungen eines Anselm Kiefer (1945), Hans-Jürgen Kleinhammes (1937-2008) und Werner Nöfer (1937), wird dieser Versuch des Verstehens deutlich

 

Moritz Mansfeld

Stilleben

Genau wie die Freilicht- und Landschaftsmalerei erlebte das Stilleben im 19. Jahrhundert eine neue Blütezeit. Die Darstellung von unbewegten oder leblosen Gegenständen, wie Blumenarragements, Früchte, Jagdbeute, Waffen oder Bücher, nach ästhetischen oder symbolischen Gesichtspunkten angeordnet gewannen an Beliebtheit. Auch in Düsseldorf und Berlin zählen einige Künstler zu wichtigen Vertretern dieser Gattung. Johann Wilhelm Preyer (1803-1889), der den Grundstein für die Stilleben-Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie legte, und Jakob Lehnen (1803-1847) In Düsseldorf und René Grönland (1849-1892), Theude Grönland (1817-1876) und Margarethe Hormuth-Kallmorgen (1857-1916), die Frau Friedrich Kallmorgens (1856-1924), in Berlin, zeigen mit ihren Stilleben eine detailgetreue Wiedergabe des Gesehenen. Angelehnt an Vanitas-Stilleben des 17. Jahrhunderts knüpfen die Künstler an die erste Blütezeit des Stillebens an und zeigen in miniaturartigen Nachbildungen von Früchtearragements die Vergänglichkeit des Lebens.

Carl Spitzweg

Carl Emil Mücke und Ludwig Benno Fay

Genremalerei

Diese Gattung beschäftigt sich mit einer geschichtslosen, alltäglichen und zuständlichen Darstellung, die in der Romantik und dem Biedermeier aufkommt. Ab den 1830er Jahren nimmt die Beliebtheit dieses Malstils zu. Anfangs, hier besonders in München und Düsseldorf, sind in dieser oft wertfreien und gediegenen Malerei noch moralisierende und demokratische Tendenzen zu erkennen, die sich aber im Laufe der Zeit durch anekdotische und literarische, dem Publikumsgeschmack angepasste, Darstellungen abgelöst werden. Maler, wie Heinrich Bürkel (1802-1869), Eduard Grützner (1846-1925) und Wilhelm Leibl (1844-1900) prägen mit anekdotischen Wirtshaus- und ländlichen Szenen die Genremalerei der Münchner Schule. Auch die Künstler Adolf Schroeder (1805-1875), Ludwig Knaus (1829-1910) und Benjamin Vautier (1829-1898) beschäftigen sich hauptsächlich mit einer unpolitisch, amüsierenden Szenerie und sind damit neben Johann Peter Hasenclever (1810-1853) und Carl Wilhelm Hübner (1814-1879), deren Darstellungen sich überwiegend mit politischen Themen befassen, wichtige Vertreter der Genremalerei in Düsseldorf. Mit der wertfreien Darstellung des gesellschaftlichen Lebens verschiedener Schichten prägten die Genremaler Paul Meyerheim (1842-1915), Adolf Menzel (1815-1905), Anton von Werner (1843-1915) und Hans Baluschek (1870-1935) die Malerei der Berliner Schule. Zweifelsfrei aber stellt Carl Spitzweg (1808-1885) den Höhepunkt dieser Gattung dar. Anders als bei den anderen Genremalern spiegeln seine Darstellungen nicht detailgetreu historische „alte Zeiten“ dar, sondern sie werden humorvoll ad absurdum geführt. Eine Gattung also, die in ihrer Ausführung stark variieren kann und auf verschiedene Art und Weise einen Einblick das „wirkliche” Leben der Menschen gibt.

Gustavo Simoni

Georg Macco

Eugen Bracht

Orientalismus

Obwohl es schon vor dem 19. Jahrhundert eine ausgeprägte Vorliebe für orientalische Motive in Europa gab, verstärkte sich das Interesse für den Nahen Osten auf Grund der politischen Situation im 19. Jahrhundert. Die Erschließung Ägyptens durch die Europäer infolge des napoleonischen Heeres und die Frage nach dem politischen und wirtschaftlichen Umgang mit den islamischen Ländern war Anlass für Begeisterung für den Orient. Ursprünglich war der Nahe Osten nur einer kleinen Schicht von europäischen Adligen, Kaufleuten, Diplomaten vorbehalten. Mit beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Länder auch für das breite bürgerliche Publikum zugänglich. Das Interesse nach dem „Neuen“ und „Fremden“ kam auch bei den Künstlern auf. Zwar waren anfangs hauptsächlich andere europäische Länder für deutsche Künstler von Interesse, mit Beginn des griechischen Unabhängigkeitskrieges in den 1820er Jahren kam der erste Kontakt zum Orient auf. In den Krieg eingezogene Maler, wie Carl Wilhelm von Heideck (1788-1861) und Peter von Hess (1792-1871), dokumentierten die Schlachten, aber auch Landschaften, Menschen und Architektur vor Ort. Auch von diesen Darstellungen inspirierte Maler, wie Adolf Teichs (1812-1860), die keine Reisen in den Orient unternommen hatten, begannen orientalische Motive zu verwenden. Ab den 1830er Jahren häuften sich Malerreisen als Begleitung fürstlicher oder wissenschaftlicher Orientreisen und -expeditionen. Johann Michael Wittmer (1802-1880), Friedrich Frisch (1813-1886), Otto Georgi (1819-1874), Max Schmidt (1818-1901) und Johann Hermann Kretzschmer (1811-1890) zählen zu diesen Malern. Ab 1850 begannen die Künstler eigene Studienreisen in den Nahen Osten zu unternehmen. Gustav Bauernfeind (1848-1904), der nach zahlreichen Studienreisen nach Jerusalem übersiedelte, und Georg Macco (1863-1933) gehören zu den bekanntesten individuellen Orientmalern dieser Zeit. Den Beginn dieser Studienreisen legten jedoch Künstler, wie Wilhelm Gentz (1822-1890), der erste deutsche Orientmaler, der über die Grenzen Berlins hinaus bekannt wurde, Adolf Schreyer (1822-1899), Eduard Hildebrandt (1818-1868), Adolf Seel (1829-1907) und August Löffler (1822-1866). Ihre Neugier auf das „Neue“ und „Fremde“ inspirierte Maler der folgenden Generationen ebenfalls dorthin zu reisen. Eugen Bracht (1842-1921), Themistokles von Eckenbrecher (1842-1921), Otto von Faber du Faur (1828-1901) und Adolf von Meckel (1856-1893) folgten deren Beispiel. Die letzte Generation der Orientmaler näherten sich nach zwei Tendenzen den Motiven. Sie wollten den Nahen Osten zum Einen weniger touristisch und exotisch darstellen, sondern sachlicher und mehr auf die Menschen als auf die Requisiten des Orients konzentriert. Zum Anderen widmeten sie sich dem „erotischen Orient“ und fertigten mehr „Haremsbilder“ an. Diese Thematik wurde auch von Künstlern aufgegriffen, die sich nicht auf die Orientmalerei spezialisiert hatten. Max Rabes (1868-1944), der als Nachfolger von Wilhelm Gentz gilt und Bruno Richter (1872-?) versuchten den Nahen Osten auf eine sachliche und nüchterne Weise darzustellen. Ferdinand Max Brest (1868-1921) konzentrierte sich hauptsächlich auf die erotischeren Darstellungen.  Mit Ende des 19. Jahrhunderts und Beginn des 20. Jahrhunderts ebbte das Interesse für das mittlerweile nicht mehr ganz so „Neue“ und „Fremde“ ab. Von nun an wurde hauptsächlich das neue Medium der Fotografie verwendet um Reisen in den Orient festzuhalten, meist dokumentarisch. 

 

Claude Monet

Lovis Corinth

Max Clarenbach

Willy Lucas

Impressionismus

Ende des 19. Jahrhunderts wandelt sich die Sichtweise der Künstler auf die Kunst selbst. Das Bild bekommt nun den Status eines autonomen Kunstwerkes, das durch die Kunst des Malers geschaffen wird ohne die Bindung an einen Auftraggeber oder vorgegebene Bildthemen. Hauptaugenmerk der Impressionisten liegt in der Darstellung der verschiedenen Facetten des großstädtischen Lebens und Erlebens. Sie hielten meist mit hellen Farben schnappschusshaft-zufällig wirkende Bildausschnitte fest, die in einem locker hingeworfenen Farbauftrag gemalt waren. Fast wie ein Foto wirkend, liegt die Vermutung nahe, dass sie ihre Werke an der Fotografie orientiert schufen. Sie wollten sich unabhängig vom dargestellten Gegenstand auf die Farbe und ihre Verteilung, die Beschaffenheit der Form und auf das Spiel von Licht und Schatten konzentrieren. Gut geeignet war dafür das Studium in der Natur und die daraus entstandene Plein-air Malerei. Die Künstler begaben sich ins Freie und malten direkt vor dem Motiv ohne Vorzeichnungen anzufertigen. Sie malten ihr Motiv so wie sie es in diesem Moment sahen und wahrnahmen. 

Als führende Kunstmetropole Europas ist es naheliegend, dass diese Art der Malerei ihren Ursprung in Paris hatte. Mit einer Ausstellung der von der Jury der akademischen Salonausstellung abgelehnten Künstler Camille Pisarro (1830-1903), Paul Cézanne (1839-1906), Claude Monet (1840-1926), Pierre-Auguste Renoir (1841-1919), Edgar Degas (1834-1917), Berthe Morisont (1841-1895) und anderen gleichgesinnten Künstlern im Atelier des Fotographen Gaspar-Félix Nadar (1820-1910) begann der Aufschwung des Impressionismus. Claude Monet stellte dort unter anderem sein Gemälde “Impression. Soleil levant” aus, das mit seinem lockeren Pinselduktus und der dunstig-hell gehaltenen Farbwahl für großes Aufsehen und Kritik sorgte und dafür sorgte, dass die ausgestellten Künstler als “Impressionisten” (“Eindrucksmaler”) beschimpft wurden. Für diese jedoch stellte diese Benennung keine Beleidung dar. Im Gegenteil sie beschrieb genau das Vorgehen ihrer Malerei. Sie versuchten die gefühlte Stimmung und die, auf sie einwirkenden Eindrücke, festzuhalten.  

Künstler wurden von dem französischen Stil auf der ganzen Welt inspiriert. Durch Studienreisen brachten Künstler, wie der Amerikaner Theodore Robinson (1852-1896) oder der Niederländer Jozef Israëls (1824-1911), den Impressionismus mit in ihre Heimat. In Deutschland öffneten sich die Künstler erst später der neuen Kunstrichtung. Mit einer Ausstellung von französischen Impressionisten 1893 in München wurden das erste Mal Werke diesen Stils gezeigt. Erst ein paar Jahre später wurden impressionistische Stilmittel in den Werken mit aufgenommen. Eugen Bracht (1842-1921) und Hans Thoma (1839-1924) waren zwei der ersten Künstler, die nach impressionistischem Vorbild gemalt haben. Erst mit dem Aufblühen Berlins als Kunstzentrum folgten Maler, wie Max Liebermann (1847-1935), Ernst Oppler (1867-1929), Fritz Rhein (1873-1948), Lesser Ury (1861-1931), Max Slevogt (1868-1932) und Lovis Corinth (1858-1925) deren Beispiel. Sie entdeckten das Leben der Großstadt für sich und ihre Faszination für das Spiel des elektrischen Lichts bei Nacht. Genauso gilt ein weiterer Augenmerk dieser Künstler der niederländischen Landschaft und dem Leben dort. Besonders Maler, wie Paul Baum (1859-1932) und Christian Rohlfs (1849-1939), die ihr Hauptinteresse auf die Niederlande legten und sich nicht nur mit ihren Motiven, sondern auch mit ihrer Malweise an der Haager Schule und Künstlern, wie Jozef Israël und Johan Barthold Jongkind (1819-1891) orientierten. Aber auch Künstler der Düsseldorfer Schule zählen zu Hauptvertretern des Impressionismus in Deutschland. Willy Lucas (1884-1918), Max Stein (1872-1943) und Max Clarenbach (1880-1952) zählen mit ihren athmosphärischen Darstellungen dazu. 

Franz Seraph von Lenbach

Wilhelm Maria Hubertus Leibl

Münchner Malerschule

Die Kunst durch König Ludwig I. gefördert ließ München zu einem weltweit bedeutenden Zentrum der Malerei werden. Aus dem Umfeld der Königlichen Akademie der Bildenden Künste entstanden, wurde die Münchner Schule für viele Künstler prägend. Unter anderem für Lovis Corinth (1858-1925), Max Slevogt (1868-1932) und Fritz von Uhde (1848-1911).

Ursprünglich geleitet von Peter von Cornelius (1783-1867) und Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872), bekam die Akademie unter deren Nachfolger Carl Theodor von Piloty (1826-1886) eine neue akademische, dynastisch angepasste Richtung. Hauptsächlich auf Historien-, Genre- und Landschaftsmalerei konzentriert, deren Merkmal aus Genauigkeit und Naturalismus besteht, bekommt die Akademie das erste Mal internationale Aufmerksamkeit und Bedeutung durch durch die Fresken in den Hofgartenarkaden von Peter von Cornelius. Aber auch die Historienmaler Hans Makart (1840-1884), Alexander von Liezen-Mayer (1839-1898) und Heinrich Lossow (1843-1897), die Genremaler Nikolaus Gysis (1842-1901), Eduard von Grützner (1846-1925) und Franz von Defregger (1835-1921) und die Landschaftsmaler Joseph Wenglein (1845-1919), Adolf Heinrich (1826-1882) und Eduard Schleich d.Ä. (1812-1874) zählen zu den bedeutenden Künstlern der Münchner Kunstakademie. Weitere wichtige Mitglieder, die durch ihre Malerei herausstachen, waren Franz Seraph von Lenbach (1836-1904), Wilhelm von Diez (1839-1907), Hugo Kauffmann (1844-1915), Carl Spitzweg (1808-1885) und Wilhelm Leibl (1844-1900), um den sich innerhalb der Akademie ein eigener Kreis bildete. Zu bedeutenden Mitgliedern dieser Gruppierung zählten Wilhelm Trübner (1851-1917), Carl Schuch (1846-1903) und Hans Thoma (1839-1929).

Max Liebermann

Max Klinger

Berliner Malschule

Eine Malschule, die geprägt wird von den Malern der Münchner Schule. Nach deren Hinwendung zum Naturalismus und wenig Anerkennung in ihrer Stadt, wanderten viele der Künstler nach Berlin aus und kamen dort zu Erfolg, wie die Maler Max Liebermann (1847-1935), Fritz von Uhde (1848-1911) und Max Slevogt (1868-1932). Mit der Gründung der Künstlervereinigung „Gruppe der XI“ 1892 entstand eine unkonventionelle, kreative Richtung der Kunst.. Neben Max Liebermann gehörten Künstler, wie Walter Leistikow (1865-1908), Ludwig von Hofmann (1861-1945), der stark geprägt war von der koloristischen Kühnheit der Pariser Schule, und Max Klinger (1857-1920) zu den wichtigsten Vertretern dieser Gruppe. Ziel dieser Vereinigung war es die eignen, dem etablierten Kunstbetrieb nicht zugänglichen Werke öffentlich zu präsentieren und sich dadurch dem preußischen Kunstbetrieb entgegenzusetzen. Mit Gründung der Berliner Secession 1898 durch Max Liebermann, Walter Leistikow, Julie Wolfthorn (1864-1944), Käthe Kollwitz (1867-1945) und 61 anderen Gründungsmitgliedern  löste sich die „Gruppe der XI“ schnell auf. Anfangs auch eine Künstlervereinigung, die sich dem staatlichen Kunstbetrieb entgegengesetzt hatte, wurde sie zu einer anerkannten Größe der Kunst. Da dies nicht bei allen Mitgliedern der Gruppe Gefallen fand, kam es zu mehreren Austritten, wie denen der Künstler Max Beckmann (1884-1950), Bernhard Pankok (1872-1943) und Karl Langhammer (1868-1943). Der Großteil der Maler jedoch, wie Lovis Corinth (1858-1925), Emil Pottner (1872-1942) und Ernst Bischoff-Culm (1870-1917), blieben der Gruppe treu. 1914 traten jedoch nach internen Auseinandersetzungen weitere Künstler aus der Gruppe aus und gründeten die „Freie Secession“. Neben Max Liebermann waren unter anderem Alfred Sohn-Rethel (1875-1958), Wilhelm Lehmbruck (1881-1919), Dora Hitz (1856-1924) und Wilhelm Trübner (1851-1917) Mitglieder. Auf Grund dieser Vielfalt der Gruppierungen wird die Berliner Schule durch mehrere Merkmale der Kunst ausgemacht. Naturalismus, Impressionismus, Jugendstil und in den späteren Jahren auch expressionistische Einflüsse prägen den Stil dieser Schule.

Paul Baum

Gotthardt Kuehl

Dresdner Kolorismus

Eine Stilrichtung Dresdner Künstler im 19. und 20.Jahrhundert, die dem Spätimpressionismus zuzurechnen ist, ist der Dresdner Kolorismus. Durch Julius Hübner (1806-1882), Direktor der Dresdner Königlichen Gemäldegalerie, wurde der Kolorismus der Düsseldorfer Malerschule populär. Geprägt durch Maler, wie Georg Friedrich Kersting (1785-1847), Johann Christian Clausen Dahl (1788-1857) und Caspar David Friedrich (1744-1840), vollzog sich eine Änderung innerhalb der Landschaftsmalerei, eine Änderung der Auffassung der Naturwirklichkeit. „Das Flüchtige der Erscheinung wird zum Gegenstand künstlerischen Interesses“. Auch die nachfolgende Generation bestehend aus Malern, wie Carl Gustav Carus (1789-1869), Ernst Ferdinand Oehme (1797-1855), Christian Friedrich Gille (1805-1899), Walter Beyermann (1886-1961) fingen in ihren Darstellungen die Schönheit der alltäglichen Dinge ein. Ende des 19. Jahrhunderts setzt sich auch an der Dresdner Akademie die impressionistische Strömung aus Frankreich durch und mit den Künstlern Carl Bantzer (1857-1941), Wilhlem Claudius (1854-1942), Paul Baum (1859-1932) und Wilhelm Ritter (1860-1948) bekommt die impressionistische Freilichtmalerei in Dresden ihren ersten Aufschwung. Mit der Berufung 1895 von Gotthardt Kuehl (1850-1915) an die Dresdner Akademie stellt sich ebenfalls eine neue Richtung der Landschaftsmalerei ein. „Eine herausragende Sonderleistung zum deutschen Impressionismus sind die von Dresdens Architekturszene inspirierten Stadtbilder.

Georges Seurat

Paul Signac

Robert Delaunay

Pointillismus

Der Pointillismus beschreibt eine künstlerische Ausrichtung innerhalb des Postimpressionismus zwischen Ende des 19.Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts. 

Hauptaugenmerk lag bei dieser Art der Malerei auf der Wirkungsweise von Farben und Sehvorgang. Die Maltechnik des Impressionismus wurde systematischer durch die Anordnung von gleichgroßen Farbpunkten auf der Bildfläche. Die Lokalfarbigkeit eines Gegenstandes wurde in seine Primärfarben aufgeteilt. Das Leinwandbild sollte also dem Bild entsprechen, was der abgebildete Gegenstand auf der Netzhaut des Auges erzeugen würde, sodass die Darstellung für den Betrachter erst aus der Entfernung klar erkennbar wurde. Es sollte eine Autonomie der Malerei über den Gegenstand und eine Eigengesetzlichkeit des Gemäldes geschaffen werden. 

Ausschlaggebende Künstler des Pointillismus waren die Maler Georges Seurat (1859-1891) und Paul Signac (1863-1935). Durch die Lektüre der Farbtheorien von Michel Eugène Chevreul und Charles Henry inspiriert schuf Georges Seurat 1884 das wegweisende Gemälde des Pointillismus, „Ein Sonntagnachmittag auf der Insel Grande Jatte“. Obwohl das Bildthema, mit seinen Menschen bei ihren Freizeitvergnügungen im Freien, sich an den Bildthemen des Impressionismus orientierte, ist die Darstellung viel systematischer angeordnet und die Farbgebung reiner und differenzierter. Es wirkt wie eine Überhöhung der Wirklichkeit. Paul Signac verfasste nach dem Tod von Georges Seurat deren Theorie des Pointillismus in seinem Werk „D’Eugène Delacroix au Néo-Impressionisme“ 1899 zusammen.

Mit dem Übergang zum Fauvismus in Frankreich verlor sich das Interesse der Künstler an den theoretischen Ansätzen des Pointillismus. Die künstlerische Ausführung wurde so weit ins Extreme geführt, dass die Möglichkeiten dieser Kunstauffassung ausgeschöpft waren und die Künstler sich neuen „unerforschten“ Stilen widmen wollten. 

Neben den beiden ausschlaggebenden Vertretern gab es noch weitere Hauptvertreter weltweit. Die Maler Gustave Cariot (1872-1950), Henri Edmond Cross (1856-1910), Giovanni Segantini (1858-1899), Théo van Rysselberghe (1862-1926), kurze Zeit auch Camille Pissarro (1830-1903), Curt Herrmann (1854-1929) und Paul Baum (1859-1932) folgten deren Beispiel.  Aber auch durch Ausstellungen der Werke Georges Seurats in Belgien und Italien adaptierten einige Maler dort die neuen Theorien und Sichtweisen. So zum Beispiel die Künstler Jan Toorop (1858-1928), Johan Joseph Aarts (1871-1934), Ferdinand Hart Nibbrig (1866-1915) und Angelo Morbelli (1853-1919).

 

James Ensor

Gustave Moreau

Symbolismus

„Symbolismus“ steht für eine Stilrichtung der Kunst Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts, die keinen einheitlichen Stil aufweist, sondern vielmehr aus einem Verbund von individueller Bildfindung besteht, in der die Künstler sich von einer objektiven Malerei abgrenzen und sich auf die Darstellung von Emotionen, seelischen Zuständen, Ängsten, Fantasien und Träumen konzentrieren. Dieses gemeinsame Ziel und Lebensgefühl verbindet die Künstler des Symbolismus und lässt sie zu einer Einheit werden. Als Gegenreaktion auf die malerischen und theoretischen Experimente des Impressionismus, Postimpressionismus und Realismus, werden nun Darstellungen aus der Welt der dunklen Mythen, okkulten Gedanken und erotischen Fantasien bevorzugt. Die Leinwand sollte zum Spiegel der Seele werden. Mit einer abstrahierten Bildsprache aus linear-ornamentalem Formenvokabular und anti-naturalistischem Bildaufbau versuchten die Künstler durch Symbolik dem Dargestelltem eine tiefere Bedeutung beizumessen.

Mit dem Maler Gustave Moreau (1826-1898), dessen Werke oft als eine dekorativ überwuchernde Synthese aus der Farbigkeit von Eugène Delacroix (1798-1863) und der religiösen Kunst Rembrandt van Rijns (1606-1669) beschrieben werden, wird der Symbolismus in Frankreich eingeleutet. Aber auch der Maler Odilon Redon (1840-1916), der mit seinen Darstellungen Literatur und Malerei verbindet, oder Arnold Böcklin (1827-1901), dessen Gemälde aus mysthifizierten Darstellungen bestehen, gehören zu den Hauptvertretern dieser Stilrichtung. Ebenso der Künstler James Ensor (1860-1949), dessen Maskenbilder eine skurrile und entfremdete Welt hervorrufen und der Maler Henri Rousseau (1844-1910), dessen Werke aus traumähnlichen Urwaldszenen bestehen. Auch Edvard Munch (1863-1944) kann als charakteristischer Symbolist genannt werden, da er in seinen Werken versuchte an psychische Grenzsituationen heran zu kommen. Weitere wichtige Maler, die den Symbolismus geprägt haben sind Künstler, wie Hans von Marées (1837-1887), Ferdinand Hodler (1853-1918), Pierre Bonnard (1867-1947), Maurice Denis (1870-1943), Fernand Khnopff (1858-1921), Max Klinger (1857-1920), Franz von Stuck (1863-1928), Michail Wrubel (1886-1910) und Edouard Vuillard (1868-1940).

 

Henri Matisse

André Derain

Albert Marquet

Fauvismus

Fauvismus wird als übergeordneter Begriff für eine Stilrichtung der Malerei benutzt, die sich als erste Bewegung der klassischen Moderene versteht. 

1905 formierten sich französische Künstler zu einer Vereinigung unter dem Namen „Fauves“. Auch wenn die Künstler das gleiche Ziel, nämlich der Flüchtigkeit der impressionistischen Bilder entgegenzuarbeiten und dem Werk dadurch eine Dauer zu verleihen, verband, war ihr Zusammenschluss mehr Zufall als Wille. Die Künstler André Derain (1880-1954), Henri Matisse (1869-1954), die beiden führenden Köpfe der „Fauves“, Maurice de Vlaminck (1876-1958), Raoul Dufy (1877-1953), Kees van Dongen (1877-1968), Albert Marquet (1875-1947) und Othon Friesz (1879-1949) stellten gemeinsam im Saal VII des Salon d’Automne aus. Durch den Ausspruch des Kunsthistorikers Louis Vauxcelles „Tiens, Donatello au milieu des fauves“ („Sieh da, Donatello umgeben von wilden Bestien“) über ein ausgestelltes Werk von Albert Marquet etablierte sich der Name „Fauves“ als Sammelbegriff für alle dort ausgestellten Künstler. Von da an arbeiteten sie gemeinsam und versuchten der Kunst eine neue Richtung zu geben. Sie standen für eine autonome Bildgestaltung und wollten die schwärmerischen und dekorativen Elemente des Symbolismus und Jugendstil hinter sich lassen. Farbe und Form sollten einen eigenen Ausdrucksgehalt bekommen. Inspiriert von den großen Farbflächen des Malers Paul Gauguin (1848-1903), der expressiven Spontaneität Vincent van Goghs (1853-1890), den reinen Farben von Georges Seurat (1859-1891) und den Kompositionen von Paul Cézanne (1839-1906) schufen sie Werke, in denen das Gesehene nicht reproduziert, sondern durch deren bildnerische Anordnung repräsentiert werden sollte. Durch die neue Art der Gestaltung übte der Fauvismus auch Einfluss auf andere Künstler und Länder aus. Maler, wie Amadeo Modigliani (1884-1920), Marc Chagall (1887-1985), Chaim Soutine (1893-1943) und Georges Braque (1882-1963), der ebenfalls Mitglied der Künstlervereinigung war, lassen sich als Vertreter dazu zählen.

Zwei Jahre nach Zusammenschluss der Künstler löste sich die Gruppe 1907 wieder auf. Die Stilrichtung des Fauvismus lief langsam aus, da sich die führenden Künstler der Gruppe, wie Georges Braque, Henri Matisse und André Derain, an den kubistischer werdenden Arbeiten des Malers Pablo Picasso (1881-1973) orientierten und immer mehr zu dieser Gestaltungsform übergingen. Auch wenn die Gruppe „Fauves“ nur zwei Jahre existierte, nahmen die Künstler mit der neu geschaffenen Kunstansicht und Gestaltungsweise großen Einfluss auf die Entwicklung der Kunst und ebneten den Weg für die moderne Kunstausrichtung. 

 

Ernst Ludwig Kirchner

Adolf de Haer

Expressionismus

Der Expressionismus beschreibt eine Stilrichtung des frühen 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, die sich gegen den Naturalismus und den Impressionismus stellt. Sie gilt nicht nur als ein wichtiger Punkt im Wandel der Kunst, sondern auch als Wegbereiter für weitere neue Stilrichtungen. 

Durch die Kunstauffassung von Künstlern, wie Vincent van Gogh (1853-1890), Paul Gauguin (1848-1903), Henri Toulouse-Lautrec (1864-1901), Edvard Munch (1863-1944) und Ferdinand Hodler (1853-1918), kam auch im deutschsprachigen Raum der Wunsch nach einem Protest gegen die bestehende Ordnung und das Bürgertum auf. Man berief sich auf die Texte und Gedanken von Friedrich Nietzsche (1844-1900), der in seinen Werken die gängige Vorstellung des Menschen in Frage stellte. Mit der Auflösung der traditionellen Perspektive, dem Umgang mit grellen und expressiven Farben und Formen und der Motivreduzierung auf markante Formelemente versuchten Künstler, wie Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Otto Mueller (1874-1930), Franz Marc (1880-1916) und August Macke (1887-1914), durch die Darstellung ihrer subjektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit den Schleier der sichtbaren Erscheinung abzunehmen und so das wahrhaftige Bild der Welt zu zeichnen. Mit ihren emotionsgeladenen Bildern sollten beim Betrachter die gleichen Emotionen hervorgerufen werden. Auf diese Art und Weise setzten sie sich mit der Gesellschaft des wilhelminischen Kaiserreiches und den neu aufkommenden revolutionäreren Strömungen auseinander. Eine weitere Inspiration für den Expressionismus stellten Künstler des französischen Fauvismus, wie Georges Rouaults (1871-1958) und in seinen frühen Werken auch Pablo Picasso (1881-1973), dar. Ihre, für die damalige Zeit neue Sichtweise auf die Gesellschaft, veranlasste einige der expressionistischen Künstler, wie unter anderem Emil Nolde (1867-1956), Wassily Kandinsky (1866-1944), Max Pechstein (1881-1955) und Paul Klee (1879-1940), sich zu Künstlergruppen zusammen zu schließen. Die wichtigsten Gruppen des Expressionismus waren „Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“. 

 

Ernst Ludwig Kirchner

Otto Mueller

Karl Schmidt-Rottluff

Die Brücke

1905 wurde die expressionistische Künstlergruppe „Die Brücke“ von den vier Dresdner Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Erich Heckel (1883-1970), Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) und Fritz Bleyl (1880-1966) gegründet. Sie wollten eine Gegenposition zu der traditionellen Malerei und akademischen Tradition darstellen. Mit dieser Einstellung schlossen sich ihnen kurz nach der Gründung weitere Künstler an. Unter anderem Max Pechstein (1881-1955), Otto Mueller (1874-1930), Emil Nolde (1867-1956), Cuno Amiet (1868-1961) und Kees van Dongen (1877-1968).  Gemeinsam entwickelte die Gruppe einen kollektiven Malstil, sodass ihre Werke sich anfangs untereinander in der Motivwahl und der Malweise ähnelten. So beschworen sie eine Gemeinschaft und stellten sich damit demonstrativ gegen die traditionelle bürgerlich-individualistische Vorstellung vom Künstler als einzigartiges Genie. Charakteristisch für ihren Stil sind primitive, auf das Wesentliche reduzierte Formen, die sich teilweise zu deformierten Körpern in perspektivisch aufgelösten Räumen zusammensetzen. Losgelöst von der typischen Lokalfarbigkeit trugen die Künstler leuchtende und abgesättigte Farben meist flächig und teilweise pastös auf. Komplementärkontraste und oft mit Konturlinien eingefasste Figuren unterstützten den expressiven Charakter der Malerei. Auf diese Art und Weise sollte die „wirkliche Wirklichkeit“, das Wesen der Dinge und die individuell erlebte Welt dargestellt werden und nicht nur ihr sichtbares Abbild. 

In den acht Jahren ihres Bestehens wurden sie hauptsächlich von den Werken der postimpressionistischen Maler Vincent van Gogh (1853-1890) und Paul Gauguin (1848-1903) inspiriert. Mit ihrer starken Farbgebung und der primitiven Darstellungsweise können sie als Wegbereiter des Expressionismus angesehen werden. Aber auch andere europäische Künstler mit expressionistischem Malstil, wie die Maler Edvard Munch (1863-1944) und Henri Matisse (1869-1954), dienten Der Brücke als Orientierung.

In den letzten Jahren des Bestehens zogen die Mitglieder der Künstlergruppe nach Berlin. Nachdem die Werke mehrerer Künstler, unter anderem Max Pechstein, von der „Berliner Secession“ abgelehnt wurden, wurde als Provokation die Gründung der „Neuen Secession“ unter der Leitung von Max Pechstein veranlasst. Aus Solidarität traten dieser Gruppe alle Mitglieder Der Brücke bei. Das Leben in der Hauptstadt beeinflusste den Stil der Gruppe und der Künstler selbst. Nach und nach löste sich der kollektive Stil der Gruppe auf, sodass jeder der Künstler als individueller Maler hervorstach. Das Auflösen des kollektiven Gedanken und interne Auseinandersetzungen führten schließlich 1913 zum Bruch Der Brücke.

 

Franz Marc

Wassily Kandinsky

Der Blaue Reiter

1911 schloss sich eine Gruppe gleichgesinnter Künstler unter dem Namen “Der Blaue Reiter” in München zusammen. Obwohl sie keine gemeinsame Stilrichtung verband, fanden die Künstler durch ihr gemeinsames Interesse an primitiver Kunst, Kubismus und Fauvismus zusammen. Sie wollten jeder auf seine Weise die Kunst revolutionieren. Diese Verbindung durch den Glauben an die “geistige” Dimension der Kunst zeigt sich durch ihre spezifische Art der Darstellung durch strahlend farbige, expressive und zum Teil abstrahierende Formensprache. Die ausschlaggebenden Künstler für den Zusammenschluss des Blauen Reiter, zu denen Wassily Kandinsky (1866-1944), Franz Marc (1880-1916), Alfred Kubin (1877-1959) und August Macke (1887-1914) zählten, verfassten 1912 einen Almanach “Der Blaue Reiter”, in dem sie ein Programm für die Kunst des 20. Jahrhunderts aufstellten. Obwohl sie durch diesen Zusammenschluss und dass Verfassen des Almanachs keine feste Gemeinschaft darstellten, fand der Blaue Reiter viele Anhänger. Die beiden Ausstellungen 1911 und 1912 bekam die Vereinigung viele Anhänger in verschiedenen Sparten der Kunst. Neben den Werken der Verfasser des Almanachs konnten bei den Ausstellungen die Werke weiterer Organisatoren, wie Marianne von Werefkin (1860-1938), Alexej von Jawlensky (1864-1941), Paul Klee (1879-1940), Heinrich Campendonk (1889-1957) und Hanns Bolz (1885-1918) betrachtet werden. Aber auch gleichgesinnte Künstler, national und international stellten dort aus. Werke von Pablo Picasso (1881-1973), Hans Arp (1886-1966), Albert Bloch (1882-1961), Robert Delaunay (1885-1941), Elisabeth Epstein (1879-1956) und Henri Rousseau (1844-1910) ließen sich dort finden. Nach drei Jahren endete die Zeit des Blauen Reiters durch den Beginn des Ersten Weltkrieges, da viele verbundenen Künstler in den Krieg eingezogen wurden, dort fielen oder, wie Gabriele Münter (1877-1962), ins Exil gingen. Auch kann die Auflösung des Blauen Reiters als Ende der Stadt München als Ort der Avantgarde der modernen Kunst gesehen werden. Von nun an verlagerte sich dieses Privileg immer mehr in die Hauptstadt Berlin.

Juan Gris

Georges Braque

Roger de La Fresnaye

Kubismus

Der Kubismus entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Frankreich und ging aus der Strömung des Fauvismus hervor. Ähnlich wie die “Fauves” glaubten auch die Kubisten nicht mehr an die illusionistische Abbildbarkeit der Wirklichkeit. Die bloße Empfindung bei der Bildproduktion und –betrachtung war für sie jedoch nicht mehr ausschlaggebend. Sie versuchten analytischer ans Werk zu gehen und entwickelten eine neue Methode der systematischen Bildstrukturierung. Inspiriert wurden sie dabei von den Werken von Paul Cèzanne (1839-1906), der sich bereits mit seinen Darstellungen vom Gegenstand abzulösen versuchte. 

Das grundsteinlegende Werk für den Kubismus war “Démoiselles d’Avignon” von Pablo Picasso (1881-1973) aus dem Jahr 1907, das in seiner Thematik und der Darstellungsweise des Aktes eine Neuerung und Provokation darstellte. Seinem Beispiel folgten die Künstler Georges Braque (1882-1963), Jean Metzinger (1883-1956), Juan Gris (1887-1927), Albert Gleizes (1881-1953) und Fernand Léger (1881-1955). Sie versuchten in ihren Darstellungen Dinge zu zerlegen und sie, auf ihre Grundelemente, wie Würfel, Zylinder, Kegel und Kugel, reduziert, neu zusammen zu setzen. Anfangs beschäftigten sie sich hauptsächlich mit Stilleben, die meist aus Krügen, Flaschen, Gläsern, Büchern und Musikinstrumenten bestanden. Grundlegend war hier die Änderung der Sichtweise des Künstlers. Der eindimensionale Blick wurde durch eine mehrperspektivische Sicht ersetzt. Die Objekte wurden gleichzeitig von mehreren Seiten abgebildet, sodass die ursprünglich plastische Form in sich überschneidende Facetten aufgelöst wurde. Sie ließen eine Eigengesetzlichkeit und Autonomie des Werkes entstehen und gaben dadurch Alltagsgegenständen die Funktion eines rein ästhetischen Objekts. Um sich in der Darstellung hauptsächlich auf die Formen konzentrieren zu können, verwendeten die Maler meist erdige Grau-/Brauntöne. Die Farbgebung sollte nicht von der formenhaften Darstellung ablenken. Damit die Formgebung unterstrichen werden konnte, wurde allerdings nicht mehr nur mit Farbe und Pinsel gearbeitet. Nun wurde auch mit Versatzstücken aus der Realität, “Objets trouvés” (frz. Gefundene Dinge), experimentiert. Dinge, wie Tapetenfetzen oder Zeitungsausschnitte, wurden zu einer neuen Art von Bild zusammengefügt. “Papiers collées” (frz. Klebebilder) erschufen so aus bereits existierenden Gegenständen einen neuen Gegenstand. Die Geburtsstunde der Collage. Genauso aber auch ein Anstoß für andere Tendenzen der modernen Kunst wie der Fotomontage und der Assemblage. Weitere Hauptvertreter des Kubismus waren František Kupka (1871-1957), Roger de La Fresnaye (1885-1925), Robert Delaunay (1885-1941), Lyonel Feininger (1871-1956), André Lhote (1885-1962) und Jean Rij-Rousseau (1870-1956), die in ihren Werken ebenfalls versucht haben alle sichtbaren und realen Gegenstände auf ihr Wesentliches zu reduzieren und sich so mit ihrer Realität auseinandersetzen wollten. 

Umberto Boccioni

Luigi Russolo

Giacomo Balla

Futurismus

Zeitgleich mit dem Kubismus in Frankreich entwickelte sich in Italien um 1909/1910 der Futurismus als Avantgardebewegung. Anders als bei dem Kubismus umfasste der Futurismus alle künstlerischen Bereiche und beschränkte sich nicht nur auf die Malerei. Die Futuristen wollten mit allem vorherigen brechen und ein neues Verständnis für die Kunst und das Leben schaffen. Kubismus und Futurismus ähnelten sich in vielen Punkten. Beide setzten sich mit der Form und ihrer Zerlegung auseinander. Die Futuristen beschränkten sich jedoch nicht nur auf die kubistische Zersplitterung der Form, sondern wollten Bewegungsabläufe sichtbar machen. Dafür brachen sie die Bildfläche in facettenhafte Splitter auf. Auch spielte die Zeit einen wichtigen Faktor in ihrer Kunst. Die gezeigte Simultaneität dynamischer Vorgänge sollte den technischen Fortschritt abbilden und so ihrer Begeisterung für die technischen Neuerungen und ihrer zukunftsorientierten Einstellung Ausdruck verleihen. 

Als Anstoß für diese Bewegung gilt das erste futuristische Manifest des Malers Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944) von 1909, in dem er eine neue Kunstrichtung und eine alle Lebensbereiche umfassende neue Kultur ersinnt. Die Maler Giacomo Balla (1871-1958), Umberto Boccioni (1882-1916) und Gino Severin (1883-1966) folgten seinem Beispiel und versuchten in ihren Werken die Gleichzeitigkeit der ablaufenden Wahrnehmungsvorgänge in einer segmentierten, zerstückelten Formensprache malerisch umzusetzen. Die Kompositionen der Künstler wurden rhythmischer und ausschnitthafter. Perspektive und Umrisse lösten sich auf und Farben und formen begannen für sich zu sprechen. Ihre Werke sollten nicht das Abbild eines Ereignisses sein, sondern die Darstellung ihrer Erlebniswelt. Weitere wichtige Vertreter des Futurismus waren die Künstler Carlo Carrà (1881-1966), Luigi Russolo (1885-1947), Ottone Rosai (1895-1957), Mario Sironi (1885-1961), Ardengo Soffici (1879-1964) und Enrico Prampolini (1894-1956).

Der extreme Wunsch nach einem Wandel zog eine extreme Sicht auf die Welt nach sich. Nach Meinung der Futuristen konnte diese Änderung der allgemeinen Auffassung der Welt nur durch einen Krieg geschehen, damit alte Ansichten und Traditionen ausgelöscht werden. Trotz dieser extremen Ausrichtung und der Nähe zur anarchistischen Politik ihres Landes hatten die Futuristen mit ihrem Drang zur Schaffung einer neuen Kunstauffassung und dem Verschmelzen der Gattungsgrenzen einen hohen avantgardistischen Wert geschaffen, der von den Dadaisten später aufgegriffen wurde.

 

Kasimir Malewitsch

Olga Rosanowa

Alexander Rodchenko

Konstruktivismus

Der Konstruktivismus entstand 1913 in Russland parallel zum Futurismus in Italien. Mit seiner konsequenten Form der geometrischen abstrakten Kunst, die durch ein hohes Maß an technischer und mathematischer Perfektion ausgezeichnet war, galt diese Stilrichtung als Absage an die Tradition des Zarentums. Die Aufbruchstimmung nach der Oktoberrevolution 1917 gab den Künstlern die Möglichkeit aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken und festigte den Konstruktivismus in den Künstlerkreisen. Die Kunst orientierte sich an der technischen Produktion und die Künstler sollten als „Ingenieure der Kunst“ und „Kunstproletarier“ ideologische und materielle Aufbauarbeit leisten. Charakteristisch für diese Stilrichtung waren geometrische und technoide Primärformen, die in harmonischer Ordnung im Raum oder auf der Fläche arrangiert wurden, der Verzicht von stark bunter Farbgebung und das Experimentieren mit der Wirkung von Licht und Bewegung. Wegweisend für die Künstler des Konstruktivismus war die Werke von Michail Larionow (1881-1964) und Natalija Gontscharowa (1881-1962). Mit ihren „rayonnistischen“ Gemälden und den sich in Bewegung überkreuzenden oder parallel geführten Kraftlinien legten sie den Grundstein für den russischen Konstruktivismus.

Einer der ersten konstruktivistischen Künstler war der Maler Kasimir Malewitsch (1878-1935), der ein malerisches Konzept entwickelte, das alle Abbildungen radikal negierte. 1914/15 fertigte er sein erstes „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ an, das zu einer Ikone der Abstraktion wurde. Es stand für den Ausdruck der Empfindungen des Künstlers, weil alle seine Gedanken an die gegenständliche Welt ausgeschaltet wurden. Zu den Hauptvertretern dieser Stilrichtung zählten auch Künstler wie El Lissitzky (1890-1941), László Moholy-Nagys (1895-1946), Wladimir Tatlin (1885-1953), Naum Gabo (1890-1977), Katarzyna Kobro (1898-1951), Antoine Pevsner (1884-1962), Alexander Rodtschenko (1891-1956), Olga Rozanowa (1882-1918) und Ljubow Popowa (1889-1924).

Auch europäische Künstler orientierten sich an konstruktivistischen Werken. Die holländischen Künstler Piet Mondrian (1872-1944) und Theo van Doesburg (1883-1931) gründeten 1917 die Zeitschrift „De Stijl“ und wollten mit ihrer dort veröffentlichten Kunstauffassung jegliche individuelle Willkür ausschalten und auf alles gegenständliche und erzählerische in der Kunst verzichten. Auch die Künstler des Bauhaus, wie Walter Gropius (1883-1969), wollten eine geometrische und technoide Kunst schaffen. Die Kunst sollte  auf ähnlichen Prinzipien wie die modernen Produktionsprozesse basieren und so den Anschluss an das Leben wiederfinden.

 

Piet Mondrian

Theo van Doesburg

De Stijl

“De Stijl” war die niederländische Antwort auf den russischen Konstruktivismus.  

1917 gründeten die Künstler Theo van Doesburg (1883-1931), Bart Anthony van der Leck (1876-1958), Piet Mondrian (1872-1944), Jacobus Pieter Oud (1890-1963), Robert van’t Hoff (1887-1979), Vilmos Huszár (1884-1960) und Jan Wils (1891-1972) die Künstlergruppe “De Stijl”. Sie wollten eine Kunst schaffen, die aus völliger Abstraktion bestehen sollte und sich sowohl auf die Grundfarben Rot, Blau und Gelb, als auch auf die Farben Schwarz, Weiß und Grau konzentrierte. Einfache geometrische, scharf begrenzte Grundformen und eine horizontale und vertikale Durchgliederung der Komposition sollte ihnen dabei helfen. Sie stellten der wild und unkontrolliert wuchernden Natur die vom Menschen hergestellte Ordnung gegenüber. Wie die anderen Künstler des Konstruktivismus verwarfen sie alle alten Kunstgattungen und versuchten sich eine komplett neue Auffassung der Kunst zu schaffen, in der die sonst übliche individuelle Willkür bei der Bildfindung ausgeschaltet werden und allein die künstlerisch-ästhetische Notwendigkeit im Vordergrund stehen sollte. Dieses Ziel der Gruppe erschien 1918 in einem Manifest, in dem die Künstler ihr Programm erläuterten. Veröffentlicht wurde das Ganze in der Zeitschrift “De Stijl”, die im Gründungsjahr der Gruppe das erste Mal erschien und damit namensgebend war. Auch in den weiteren Jahren des Bestehens der Künstlergruppe sollten dort weitere Manifeste der Künstler veröffentlicht werden. 

Weitere Künstler, die der Gruppe beitraten, waren Cornelius van Eesteren (1897-1988), Hans Richter (1888-1976), Gerrit Thomas Rietveld (1888-1964), Truus Schröder-Schräder (1889-1985), Georges Vantongerloo (1886-1965) und Friedrich Vordemberge-Gildewart(1899-1962). 

Oskar Schlemmer

Paul Klee

Bauhaus

Das “Bauhaus” war eine von Walter Gropius (1883-1969) 1919 gegründete Werkschule in Weimar, die zum Ziel hatte Kunst und Handwerk (wieder) zusammenzuführen. Damit wurde sie zu einer der wichtigsten Kunstschulen der europäischen Moderne, da nicht nur bedeutende Künstler, wie Paul Klee (1879-1940), Lyonel Feininger (1871-1956), Josef Albers (1888-1976), Oskar Schlemmer (1888-1943), Wassily Kandinsky (1866-1944), Johannes Itten (1888-1967) und Lázló Moholy-Nagy (1895-1946), an die Schule berufen wurden, sondern sie auch Strömungen aus den meisten modernen Kunstrichtungen vereinte. Sie sollte als Sinnbild für soziale Einheit und für das glückliche Miteinander der Menschen stehen. Es sollte eine Verbindung von bildender, angewandter und darstellender Kunst geschaffen werden. 

Bis 1923 werden die Werke der Künstler von einer zunächst expressionistischen Formensprache geprägt, die sich nach und nach zu einer rationaleren und technisch orientierten Ausrichtung wandelt. Sich damit auch verstärkt an den Erfordernissen der Industriegesellschaft orientiert und versucht, wie der Konstruktivismus und Futurismus, Kunst und Technik zu vereinen. Diese Prägung verstärkt sich durch die Berufung von Künstlern wie Theo van Doesburg (1883-1931), der als Mitglied der Künstlergruppe “De Stijl” den konstruktivistischen Einfluss mit ans Bauhaus bringt und Künstler wie Marcel Breuer (1902-1981) in seinen Möbeln, die aus betonten, klar gegliederten Linien und Winkeln bestehen, beeinflusst. 

1925 zog die Schule nach Beschränkungen und Drängen von rechtskonservativen Parteien nach Dessau um und wurde dort unter der Leitung von Hannes Meyer (1889-1954) weitergeführt. 1932 wurde das Bauhaus schließlich durch einen Beschluss der NSDAP geschlossen. Auch wenn der Architekt Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) versuchte die Schule als private Kunstschule und “Freies Lehr- und Forschungsinstitut” in Berlin fortzuführen, schlug der Versuch ein Jahr später fehl. Da das Bauhaus unter Auflagen der NSDAP als kommunistischer Treffpunkt betitelt wurde, musste die Schule aufgelöst werden. 

Studio-Fotoaufnahme für Einladungspostkarte zu Hugo Balls Auftritt im Cabaret Voltaire 1916

Sophie Taeuber-Arp

Hans Arp

Dadaismus

Der Dadaismus beschreibt die Antwort einiger Künstler auf eine aus den Fugen geratene Welt.  

1916 tat sich eine internationale Gruppe von emigrierten Künstlern im Züricher “Cabaret Voltaire” zusammen und probten mit eigenwilligen, alle Kunstgattungen umfassenden und futuristisch inspirierten Darbietungen den Aufstand gegen die im gerade wütenden Krieg fragwürdig gewordenen künstlerischen und kulturellen Werte. Mit bruitistischen Konzerten, Lautgedichten, absurden Textvorträgen und aus Alltagsgegenständen entworfenen Kostümen versuchten sie eine Stellung gegen den Krieg einzunehmen, der in ihren Augen sinnlos war. Ihre Auftritte gelten als Beginn der Happening- und Performance-Kunst. 

Als Gründer des “Cabaret Voltaire” wurde der Begriff “Dadaismus” von dem Literaten Hugo Ball (1886-1927) geprägt. Angeblich soll er bei dem Aufschlagen eines Wörterbuches auf den Begriff “Dada” (frz. “Steckenpferd”, rumän. “Jaja”), gestoßen sein und hat diesen prompt als Beschreibung für die künstlerischen Darbietungen des “Cabaret Voltaire” in der gleichnamigen Zeitschrift verwendet. 

“Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann” (Francis Picabia (1879-1953)) 

Künstler, wie Hans Arp (1886-1966), Richard Huelsenbeck (1892-1974), Johannes Baader (1875-1955), Tristan Tzara (1896-1963) und Marcel Janco (1895-1984) wollten gegen die Dummheit und Eitelkeit der Menschen protestieren. Sie führten mit ihrer Kunst alle gültigen Werte ad absurdum und versuchten so die Menschen zum Nach- und Umdenken anzuregen. Sie waren gegen die überkommenen bürgerlichen Werte. Ihre teils grenzüberschreitende Kunst basierte auf Unsinn und Zufall. Sie schufen dadurch eine Art Anti-Kunst, die mit dem eigentlichen Kunstbegriff nichts mehr zu tun hatte. Ein neues Kunstverständnis wurde gefordert. Der Künstler Marcel Duchamp (1887-1968), zum Beispiel, zeigte mit seinen Ready-mades, die unter anderem aus dem Vorderrad eines Fahrrads oder einem Urinbecken bestanden, das Kunst erst an seinem Ausstellungsort zur Kunst wird und damit nicht nur vom Werk selbst, sondern auch vom Ort abhängig ist. Auch Kurt Schwitters (1887-1948) versuchte mit seinen Collagen und Assemblagen zu zeigen, dass die Kunst einer Eigengesetzlichkeit unterliegt. Genauso wie die Künstler Hannah Höch (1889-1978), Raoul Hausmann (1886-1971) und John Heartfield (1891-1968) mit ihren Photomontagen. Ein weiteres Leitmotiv dieser Bewegung war die Maschine. Anders als bei den Futuristen sollte sie nicht verherrlicht werden, sondern als Symbol für die missratene gesellschaftliche Situation stehen. Auch Künstler wie Max Ernst (1891-1976), George Grosz (1893-1959), Kurt Günther (1893-1955), Otto Griebel (1895-1972) und Otto Dix (1891-1969) nahmen in ihren Werken darauf Bezug.  

Durch die internationale Vertretung der Künstler nahm der Dadaismus weltweiten Einfluss auf die Kunstentwicklung. Im Holland der 1920er Jahre nahm die Zusammenarbeit der Dadaisten mit den Konstruktivisten zu. In Frankreich wurde die Entwicklung zum Surrealismus dadurch in die Wege geleitet.  

Portrait von Salvador Dali und Man Ray, Paris 1934

Max Ernst

Portrait von André Breton

Surrealismus

Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich die Kunstauffassung der Künstler. Sie glaubten nun nicht mehr an die sichtbare Wirklichkeit und waren auf der Suche nach einer allumfassenden Wirklichkeit, einer „Überwirklichkeit“. Für sie war die Traumwelt in ihrer Kunst von großer Bedeutung. Wichtige Impulse erhielten sie dabei durch die Psychoanalyse von Sigmund Freud. In seinen Untersuchungen zur Traumdeutung fand er heraus, dass ein Großteil unseres Seelenapparats unterhalb der Oberfläche in den Tiefen des Unbewussten liegt und dass das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen von nicht bewussten Kräften entscheidend geprägt wird. Die Künstler versuchten eine Welt der verdrängten Erfahrungsbereiche, die oft in Traumbildern oder halluzinatorischen Erscheinungen und bildlichen Suggestionen hervorgerufen werden, in ihrer Kunst auszudrücken. An Stelle der realen Außenwelt trat eine seelische Realität. In realistischen Darstellungen wurden irreale Bildsituationen dargestellt. Die gegenständliche Welt wurde in überdeutlicher Malweise, oft grotesk verzerrt und mit einer meist kühlen und klaren Farbgebung verfremdet dargestellt. Sie wollten Denkanstöße bei dem Betrachter anregen und so ihr gewandeltes Verständnis der Welt weitergeben. 

Der Künstler André Breton (1896-1966) verfasste 1924 sein „Manifeste du Surrealism“, indem er zu dieser Neuerung in der Kunst aufrief. Künstler, wie Salvador Dalí (1904-1989), Joan Miró (1893-1983), René Magritte (1898-1967) und Frida Kahlo (1907-1954), folgten seinem Beispiel und versuchten in ihren Werken die Gegensätze von Schein / Wirklichkeit und Bild / Abbild aufzuheben.

Die italienischen Künstler Carlo Carrà (1881-1966), Giorgio Morandi (1890-1964) und Giorgio de Chirico (1888-1978) schufen eine realistische Alternative zu dem dort vorherrschenden Futurismus, der dem Surrealismus gleichkam: „Pittura metafiscia“. Sie versuchten sich in ihren „überwirklichen“ Darstellungen auf die Kunst des Quattrocento, insbesondere auf die Kunst von Paolo Uccello (1397-1475) und Piero della Francesca (um 1410/20-1492), zurück zu besinnen.

Aber auch weitere Künslter weltweit, wie Hans Arp (1886-1966), Leonora Carrington (1917-2011), Paul Delvaux (1897-1994), Oscar Dominguez (1906-1957), Marcel Duchamp (1887-1968), Pierre Roy (1880-1950), Kay Sage (1898-1963) und Yves Tanguy (1900-1955), fanden meist durch Aufenthalte in Paris zu dieser Stilrichtung. 

Die bedeutendsten Vertreter des Surrealismus unter den deutschen Malern waren Meret Oppenheim (1913-1985), Hans Bellmer (1902-1975), Edgar Ende (1901-1965) und Richard Oelze (1900-1980), die ebenfalls durch ihre Aufenthalte in der französischen Hauptstadt zu einem Umdenken in der Kunst inspiriert wurden. Am bekanntesten unter den deutschen Malern ist Max Ernst (1891-1976). Er versuchte den Zufall in seine Werke mit einzubeziehen und setze dafür auf unberechenbare Techniken, wie die Frottage, Grattage und Decalcomanie. Sie halfen ihm abstrakte Strukturen zu schaffen, die im Grunde nichts darstellen, aber dazu verleiten sich ein individuelles Bild zuschauen und selbst Dinge in die Darstellung hineinzusehen.

 

Albert Henrich

Otto Griebel

Herbert Böttger

Neue Sachlichkeit

Oft auch als eine Art von Nach- oder Antiexpressionismus bezeichnet, beschreibt die “Neue Sachlichkeit” eine meist distanzierte, gegenständliche Malerei. Aus dem neuen Lebensgefühl der frühen 1920er Jahre entwickelt, zeigt sie eine neue Sicht auf die Welt. Das kleine, banale Glück des bescheidenen Lebens und die Einsicht in irdische und soziale Zwänge prägte die Einstellung der Künstler zur Wirklichkeit. Mit der Machtübernahme Hitlers wurde dieser neuen Stilrichtung schnell ein Ende bereitet, da sowohl die Darstellungsweise als auch die künstlerische Haltung der Maler selbst kein Verständnis fanden. Eine illusionslose Sicht auf die Dinge vereinte die doch oft unterschiedlichen Künstler dieser Stilrichtung. In den meisten deutschen Kunstzentren vereinten sich die Vertreter der “Neuen Sachlichkeit” um einen Mittelpunkt, wie in Karlsruhe um die Akademie oder in München um den Künstler Georg Schrimpf (1889-1938). Zu dessen Gruppe die Künstler Carlo Mense (1886-1965), Alexander Kanoldt (1881-1939), Heinrich Maria Davringhausen (1894-1970) und Richard Seewald (1889-1976) zählten. In Dresden wurden die Künstler durch ein gemeinsames sozialrevolutionäres, parteipolitisches Engagement vereint. Maler wie Conrad Felixmüller (1897-1977), Otto Griebel (1895-1972) und Hans Grundig (1901-1958) stellten in ihren Werken ihre politische Sicht auf die Welt auf eine realistische und nüchterne Art und Weise dar. In Berlin dagegen lässt sich kein einheitliches Bild finden. Für viele Künstler, wie Franz Radziwill (1895-1983) und Gert Wollheim (1894-1974), als Durchgangsstation genutzt um Aufträge zu suchen, umfasst die Hauptstadt als Kunstzentrum eine Bandbreite der “Neuen Sachlichkeit”, die vom Spätexpressionismus und Dadaismus über den Konstruktivismus bis zum Realismus eines Heinrich Zille (1858-1929) und Otto Nagel (1894-1967) reicht. Auch Maler wie Hans Baluschek (1870-1935), Gustav Wunderwald (1882-1945), Rudolf Schlichter (1890-1955) und Christian Schad (1894-1982) gehörten zu diesem nicht fassbaren Kreis von Künstlern. Neben den Kunstzentren stachen auch einige Künstlerpersönlichkeiten hervor, die mittlerweile als Identifikationsfigur dieser Stilrichtung gesehen werden können und nicht nur durch ihre künstlerische Ausführung auffielen, sondern auch andere Künstler ihrer Zeit beeinflussten. Maler, wie Otto Dix (1891-1969), George Grosz (1893-1959) und Max Beckmann (1884-1950) stellten ihre Motive in einer naturalistischen Treue bis ins kleinste Detail dar. Anders dagegen Maler, wie Anton Räderscheidt (1892-1970) und Rudolf Dischinger (1904-1988), die durch ihre bis zur Anonymität gesteigerten schablonenhaften Menschendarstellung herausstachen.

Karl Otto Götz

Hubert Berke

Lucas Suppin

Informel

„Informel“ oder „art informel“, französisch für „formlose Kunst“, umfasst viele verschiedene Stilrichtungen und Auslegungen der abstrakten Malerei in der Nachkriegskunst. Die Künstler stellten die Malerei auf die Probe. Sie entfernten sich von der traditionellen Abbildfunktion und versuchten individuelle Ausdrucksformen zu finden ohne Utopien zu erschaffen. Namensgebend war die von Michel Tapié 1951 im Pariser Studio Facchetti kuratierte Ausstellung „Signifiants de l’Informel“, bei der abstrakte Werke von Künstlern, wie Georges Mathieu (1921-2012), ausgestellt wurden. 

Um 1950 entwickelte sich in Paris ausgehend von dem surrealistischen „écriture automatique“ ein neuer Stil mit einer unkontrollierten und impulsiven Handschrift, der „Tachismus“. Die Maler Georges Mathieu, Jean Fautrier (1898-1964), Henri Michaux (1899-1984)und Wols (i.d. Alfred Otto Wolfgang Schulze) (1913-1951) waren ausschlaggebend für diesen Neuanfang. 

In Deutschland übernahmen in abgewandter Form Künstler, wie Hann Trier (1915-1999), Ernst Wilhelm Nay (1902-1968), Carl Buchheister (1890-1964), K.R.H. Sonderborg (i.d.Kurt R. Hoffmann) (1923-2008), Peter Kuckei (1938) und Emil Schumacher (1912-1999), den neuen Stil und subsumierten ihn unter dem Begriff „Informel“.Auch bildeten sich bei dieser Kunstrichtung in den einzelnen Kunstzentren Deutschlands verschiedene Künstlergruppen heraus. 1952 schlossen sich in Frankfurt Karl Otto Götz (1914-2017), Otto Greis (1913-2001), Heinz Kreutz (1923-2016) und Bernhard Schulze (1915-2005) zu der Künstlergruppe „Quadriga“ zusammen. Ein Jahr später wurde die „Gruppe 53“ gegründet. Ihr gehörten unter anderem Gerhard Hoehme (1920-1989), Winfred Gaul (1928-2003) und Peter Brüning (1929-1970) an. In München fanden sich auf Initiative des Kunstkritikers John Anthony Thwaites und des Malers Rupprecht Geiger (1908-2009) die Künstler  Willi Baumeister (1889-1955), Rolf Cavael (1898-1979), Gerhard Fietz (1910-1997), Willy Hempel (1905-1985), Brigitte Matschinsky-Denninghoff (1923-2011) und Fritz Winter (1905-1976) 1949 zur Künstlergruppe „ZEN49“ zusammen. 

Hauptelement diesen Stils war die Formlosigkeit und Spontanität des Künstlers. Das Werk wurde zum Dokument des Arbeitsprozesses. Der Malakt wurde wichtiger als das fertige Werk. Ein realistisches Abbild der Wirklichkeit des Malers. Ihm war es überlassen inwieweit er Rücksicht auf ästhetische Konventionen oder traditionelle Kompositionsmuster nahm. Das Dargestellte war nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen. Der Betrachter wurde zum Nachdenken über sich selbst und seine Welt gezwungen.

Auch wenn „Tachismus“ und „Informel“ mit zwei verschiedenen Begriffen eine sehr ähnliche Stilrichtung beschreiben, sich gegenseitig und die Kunst Europas beeinflusst haben, entstand in Amerika unabhängig davon eine ähnliche Kunstrichtung. Der „abstrakte Expressionismus“, der „Action Painting“, „Farbfeldmalerei“ und „Hard Edge“ mit einschloss. Künstler, wie Jackson Pollock (1912-1956), Barnett Newman (1905-1970), Mark Rothko (1903-1970), Clyfford Still (1904-1980), Robert Motherwell (1915-1991) und Willem de Kooning (1904-1997) spielten bei der Entwicklung dieser neuen Art der Malerei eine große Rolle. Man versuchte aus dem Prozess des Malens eine Aktion zu machen. Nicht mehr auf traditionelle Weise ein Gemälde zu schaffen, sondern sich in dem Schaffensprozess mit Geist und Körper zu verlieren. Sie entwickelten den Gedanke des „Informel“ auf gewisse Weise weiter.

 

Heinz Mack

Otto Piene

Zero

„Zero“ beschreibt eine nicht endgültige Künstlergruppe, bestehend aus den Düsseldorfer Künstlern Otto Piene (1928-2014), Heinz Mack (1931) und Günther Uecker (1930), ab Mitte der 50er Jahre, die sich selbst eher als Bewegung oder Strömung wahrgenommen hat. Sie wollten eine Dimension der neuen Möglichkeiten schaffen. Kunst sollte zum Ort der Träume werden. Sie standen für den neuen Idealismus einer optimistischen weltweiten Kunst, die geprägt wurde durch lichtvolle Monochromie und wollten ein neues Bild der Kräfte der Natur und dem was aus ihnen hervorgegangen war vermitteln. Eine Verbindung von Technik und Natur.

1955 öffneten ein paar junge Düsseldorfer Künstler, wie Kurt Link (1926-1996), Heinz Mack, Hans Salentin (1925-2009), Charles Wilp (1932-2005) und Otto Piene zusammen ein Atelier in Düsseldorf. Da es zu dieser Zeit nur wenige Galerien, wie die des Galeristen Alfred Schmela (1918-1980), gab, die sich für neue Kunstrichtungen interessierten, organisierten Heinz Mack und Otto Piene „Abendausstellungen“. Eine Ausstellung, die jeweils nur an einem Abend stattfand. Künstler, wie Karl Fred Dahmen (1917-1981), Johannes Geccelli (1925-2011), Leo Erb (1923-2012), Gerhard Hoehme (1920-1989) und Fred Thiele (1916-1999) stellten dort mit aus. Anfänglich ohne verbindendes Konzept fand 1958 unter dem Namen „Das Rote Bild“ die erste „Abendausstellung“ mit einem übergreifenden Thema statt. Anlässlich dieser Ausstellung veröffentlichten die Künstler Heinz Mack und Otto Piene eine Zeitschrift mit dem Titel „Zero“, die aus Beiträgen von Theoretikern und Künstlern bestand, die an der Ausstellung beteiligt waren. „Zero“ stand für einen Zustand des Neubeginns. Einem Ort neuer Möglichkeiten, an dem sich der alte Zustand der Kunst in einen neuen unbekannten verwandeln konnte. Ein Name, der also nicht nur passend für das Magazins sondern auch für die Bewegung selbst war. Inspiriert und unterstützt wurden diese Künstler auch von internationalen Vertretern einer ähnlichen Kunstauffassung, wie den Künstlern Lucio Fontana (1899-1968), Jesús Rafael Soto (1923-2005), Jean Tinguely (1925-1991) und Yves Klein (1928-1962).  1967 löste sich die Zusammenkunft der drei Künstler auf. Zwar waren sie noch freundschaftlich verbunden, allerdings wollten sie nicht mehr nur als anonyme Gruppe wahrgenommen werden, sondern als einzelne Künstlerpersönlichkeiten. 

 

Andy Warhol

Roy Lichtenstein

Gerhard Richter

Sigmar Polke

Peter Roehr

Pop-Art

Ab den 1950er Jahren veränderte sich bei einem Großteil der amerikanischen Künstler das Verständnis für die Kunst. Sie wollten die illusionistische Kunstwelt zerstören und sie ins Leben integrieren. Woran erkennt man Kunst, wenn sie sich nicht mehr von alltäglichen Dingen unterscheidet? Mit dieser Frage beschäftigten sich Künstler, wie Jasper Johns (1930) und Robert Rauschenberg (1925-2008). Mit ihrer Relfexion über Kunst und ihre abbildliche und symbolische Funktion, versuchten sie neue Gestaltungsformen und –arten zu finden.  

Durch diesen künstlerischen Ansatz gelten sie als die Wegbereiter der Pop-Art. Ende der 1950er Jahre versuchten die Künstler immer mehr die banalen Dinge des Alltags zu Kunstwerken zu erheben, sodass die Kunst für jedermann verständlich wurde. Sie begannen die mediale Bilderflut der Massenmedien in ihre Kunst zu integrieren. Künstler wie Tom Wesselmann (1931-2004), Richard Hamilton (1922-2011), Claes Oldenburg (1929), Roy Lichtenstein (1923-1997) und David Hockney (1937) machten die Konsumwelt zu dem neuen Motiv ihrer Kunst. Aber nicht nur das Integrieren der industriellen Massenkultur und Massenmedien, sondern auch die serielle Anfertigung der Werke zeigt das neue Kunstverständnis. Einer der wichtigsten Vertreter der Pop-Art, der Künstler Andy Warhol (1928-1987), verband mit seinen Werken diese neue Umsetzung. Mit den Darstellungen von bekannten Persönlichkeiten, aber auch mit den Darstellungen von Waren des Konsums, wie in seinem Werk “Campell Soup Cans” von 1962, griff er den Wunsch nach Integration von Alltagsgegenständen und Bildern der Massenmedien auf. Auch das Siebdruckverfahren, mit dem er als einer der ersten seriell seine Werke anschaffen konnte, zeigt wie umfassend Pop-Art eigentlich ist. 

Nicht nur in Amerika kam der Wunsch nach einer Auseinandersetzung mit den neuen Konsummöglichkeiten und dadurch auch mit einer Realitätsflucht der Nachkriegszeit auf. Auch deutsche Künstler setzen sich mit diesem Thema auseinander und versuchten das Gewöhnliche künstlerisch umzusetzen. 

Einer der ersten deutschen Künstler, der ein Interesse an dieser gegenständlichen Malerei zeigte, war Konrad Klapheck (1935). Unter ihm entstand zusammen mit den Künstlern Gerhard Richter (1932), Sigmar Polke (1941-2010), Manfred Kuttner (1937-2007) und Konrad Lueg (1939-1996) in Düsseldorf 1963 im Geiste des Pop der “Kapitalistische Realismus”, der ein ironisches Pendant zum “Sozialistischen Realismus” darstellte. Eine kritische und ironisierende Sicht auf die kapitalistische Wohlstandsgesellschaft Westdeutschlands verbindet die Künstler dieser Bewegung. Da das Rheinland auf Grund der guten ökonomischen Situation zu Zeiten des Wirtschaftswunders eine Schlüsselrolle einnahm, entwickelte sich gleichzeitig eine weitere Kunstbewegung des German Pop, die rheinische Szene mit den Künstlern HP Alvermann (1931-2006), Peter Brüning (1929-1970) und Winfred Gaul (1928-2003).  

Die Künstler Wolf Vostell (1932-1998), KP Brehmer (1938-1997) und Herbert Kaufmann (1924-2011), die an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hatten, siedelten nach Berlin über und brachten die Pop-Welle dorthin. Inspiriert von den drei Düsseldorfer Künstlern gründeten unter anderem die Maler Karl Horst Hödicke (1938) und Lambert Maria Wintersberger (1941-2013) 1964 die Produzentengalerie Großgörschen 35. Im gleichen Jahr folgte René Block (1942) mit der Gründung seiner Galerie. Beide wollten junge deutsche Künstler zeigen und ihnen die Chance auf eine Gleichberechtigung zu den schon aufgestrebten amerikanischen Künstlern der Pop-Art bieten.  

Da Frankfurt am Main durch eines der amerikanischen Hauptquartiere, der ersten Shopping-Mall nach amerikanischem Vorbild, dem Flughafen, den Banken und der Börse amerikanischer wirkte als andere deutsche Städte, waren die Künstler und das Publikum dort sehr empfänglich für die Pop-Art. Die Künstler Thomas Bayrle (1937) und Peter Roehr (1944-1968) grenzten sich zwar mit ihrer Darstellungsweise von den anderen Künstlern ab, jedoch hatten sie mit diesen auch den analytischen Blick auf die Massenmedien und das kleinbürgerliche Leben gemein. 

Auch andere Kunstbewegungen wie die Münchner Gruppen SPUR, WIR und GEFLECHT wurden durch die Pop-Art beeinflusst. Künstler, wie Lothar Fischer (1933-2004), Heimrad Prem (1934-1978), Helmut Sturm (1932-2008), Uwe Lausen (1941-1970) und Michael Langer (1929) setzten sich mit den Darstellungsformen auseinander und wandelten sie zu ihren eigenen um. 

Aber nicht nur männliche Künstler zählten zu den wichtigsten Vertretern der Pop-Art in Deutschland, auch weibliche Künstlerinnen, wie Christa Dichgans (1940-2018), Bettina von Arnim (1940) und Ludi Armbruster (1938-2014) entwickelten ihre Form des Pop. 

Dieter Hacker

Karl Horst Hödicke

Die neuen Wilden

“Die neuen Wilden”. Ein Begriff, mit dem der Kunsthistoriker Wolfgang Becker ursprünglich die Ähnlichkeit des französischen Fauvismus des beginnenden 20.Jahrhunderts und der neoexpressionistischen Kunst aufzeigen wollte.  Anfang der 1980er Jahre schlossen sich Künstler in verschiedenen Städten Deutschlands zu lockeren Gruppen zusammen und experimentierten mit neuen gestalterischen Formen. Hauptsächlich großformatige Bilder mit stark betonter Malweise durch schwungvolle und heftige Pinselstriche, eine kräftige Farbigkeit und eine gezielte Formlosigkeit entstanden. Oft wurden existenzielle Themen wie Angst und Sexualität aufgegriffen. Ein Versuch der Demontage des traditionellen Kunstbegriffes, der Befreiung durch Kunst von repressiven Zwängen des Intellekts der Kunst der vergangenen Jahre. Aber nicht nur große Leinwände sind ausschlaggebend für diese Stilrichtung. Auch das Verbinden verschiedener künstlerischer Gestaltungsformen wie Texte, Fotografie, Mode, Performance, Film und Musik, ist charakteristisch für die individuelle, provozierenden und auffällige Gestaltungsart. Gruppen wie die der Berliner Künstler Salomé (1954), Rainer Fetting (1949), Helmut Middendorf (1953) und Bernd Zimmer (1948) oder der Kölner Künstler Peter Bömmels (1951), Hans-Peter Adamski (1947), Walter Dahn (1954) und Jiří Georg Dokoupil (1954) lassen sich zwar unter einer gemeinsamen Stilrichtung zusammenfassen, aber sie unterscheiden sich doch in ihrem Stil und Inhalt der Bilder. Einzige Verbindung ist der ausgeprägte Individualstil, der sich im Erleben der eigenen Welt widerspiegelt. Aber auch die Künstler Werner Büttner (1954), Albert Oehlen (1954), Martin Kippenberger (1953-1997) und Markus Oehlen (1956), die hauptsächlich in Hamburg tätig waren, zeigen diesen Drang zur subjektiven künstlerischen Gestaltung.

 

Jost Heyder

Jost Heyder

Petra Flemming

Leipziger Schule

Die „Leipziger Schule“ beschreibt eine Strömung der Malerei der 1970er und 1980er Jahre. Eine Strömung, deren gemeinsames Anliegen ein hoher künstlerischer Anspruch, handwerkliches Können und die bewusste Analyse der Gesellschaft war. Das Entstehen einer unabhängigen Kunstauffassung neben dem, vom Staat propagierten, sozialistischen Realismus stellte sich als schwierig dar. Die Entstehung einer sozialistischen Gesellschaft sollte der Hauptaugenmerk der Kunst sein. Bauern- und Arbeiterszenen waren gefragt. Eine Strömung, die sich jedoch kritisch mit ihrer Umwelt auseinander setzt, war weniger willkommen. Die „Leipziger Schule“ versuchte ihren eigenen Stil in den vorgegeben Richtlinien zu finden, sodass unser diesem Begriff nicht nur eine Stilrichtung zu finden ist, sondern ein Zusammenschluss aus mehreren. Die Gemeinsamkeit liegt hier im Ort und der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig – damals Leipziger Kunstakademie. Wegbereitend für diese neue Entwicklung waren Lehrende der Kunstakademie. Dazugehörten Walter Arnold (1909-1979), Harald Hellmich (1931), Gerhard Kurt Müller (1926-2019), Elisabeth Voigt (1893-1977), Ernst Hassebrauk (1905-1974), Max Schwimmer (1895-1960) und Klaus Weber (1928-2018). Die nächste Generation setzte sich auch weiterhin aus Studenten, später Dozenten, der Hochschule zusammen. Kunsthistorisch betrachtet lassen sich nun zwei Hauptströmungen erkennen. Zum Einen eine eher expressive und leidenschaftliche Strömung. Künstler wie Bernhard Heisig (1925-2011), dessen Stil sich als expressiv, gestisch mit einer leidenschaftlichen Farbgebung beschreiben lässt, lassen sich dazu zählen. Aber auch Hartwig Ebersbach (1940), Sighard Gille (1941), Gudrun Brüne (1941), Frank Ruddigkeit (1939) und Peter Schürpel (1941) lassen sich stilistisch als expressiv beschreiben. Zum Anderen eine formstrenge, dingpräzise, nüchtern-sachliche Strömung. Wolfgang Mattheuer (1927-2004), der mit seinen dialektischen Metaphern und Allegorien stilistisch noch eng mit der Neuen Sachlichkeit, aber auch der deutschen Romantik verbunden war, ist ein Vertreter dieser Strömung. Aber auch Werner Tübkes (1929-2004) an der Renaissance, dem Manierismus und dem mexikanischen Muralismo orientierte Malweise, lassen den Künstler einer eher nüchtern-sachlichen und dingpräzisen Strömung folgen. Genauso zählen Heinz Zander (1939), Heinz Plank (1945), Arno Rink (1940-2017), Petra Flemming (1944-1988), Kurt Dornis (1930) und Günter Thiele (1930) mit ihren neoveristischen Stadtlandschaften und Günter Richter (1933) mit seiner surreal verfremdeten Romantik zu Vertretern dieser Richtung. Anfänglich erlangte diese Kunstauffassung außerhalb der deutschen Grenzen wenig Bedeutung, erst 2004 mit den Schülern der zweiten Generation kam der internationale Erfolg. Künstler, wie Lutz R. Ketscher (1942), Tim Eitel (1971), Martin Kobe (1973) und Matthias Weischer (1973) trugen dazu bei. Der bedeutendste Vertreter dieser Generation ist Neo Rauch (1960). Seine, dem Surrealismus nahestehenden, Werke sind geprägt von einer leuchtend opaken Farbigkeit. Die Besonderheit seiner Kunst besteht in der Überschneidung mehrerer Stilrichtungen, wie dem sozialistischen Realismus, Pop-Art und Comic. Aber auch in der Verbindung von bildender Kunst und Theater.

 

0211 4955866